Klimafeind Handymast?
Mobilfunkstrahlen machen auf Dauer krank, behaupten Kritiker. Nun gibt es einen neuen Verdacht gegen die Handytechnik: Laut einer Untersuchung der Technischen Universität Chemnitz verbraucht sie zu viel Strom. Und den produziert nicht die Sonne.
Die Forscher des Fraunhofer Instituts für Systemtechnik in Karlsruhe haben das Unheil kommen sehen. “Neue Technologien bergen die Gefahr, ehrgeizige Ziele des Energiesparens in unvorhergesehener Weise zu behindern”, schrieben sie vor über vier Jahren in der Studie “Energie-Perspektiven”. Diese haben die Karlsruher Wissenschaftler damals für das Bundeswirtschaftsministerium erstellt. Tenor: Im Jahr 2010 werden die für Informations- und Kommunikationstechnik benötigten Geräte wie Fernseher, Computer oder Funkanlagen 55 Milliarden Kilowatt Strom verbraten. Das, so die Fraunhofer-Forscher, seien immerhin elf Prozent des gesamten Stromverbrauchs und entspreche der Energieerzeugung von acht großen Kraftwerken. 2001 waren diese Geräte erst für acht Prozent des Stromverbrauchs verantwortlich.
Einen Schuldigen für die exorbitante Steigerung machten die Forscher in der Studie auch aus: den Mobilfunk. Dessen Betrieb werde 2010 vier Milliarden Kilowattstunden Strom verbraten – vier Mal mehr als vor vier Jahren. Grund: die neue Übertragungstechnik UMTS. Deren Basisstationen würden doppelt so viel Leistung aufnehmen als die Masten mit der herkömmlichen Sendetechnik GSM. Josef Lutz, Professor für Leistungselektronik und elektromagnetische Verträglichkeit an der Technischen Universität Chemnitz, hat das Unheil kommen sehen, als in der Nachbarschaft seines Wohnhauses eine Mobilfunksendeanlage errichtet wurde. Lutz beobachtete, wie die Techniker dreiphasige Leitungen verlegten. Für den Fachmann sofort ein Indiz auf akuten Stromfraß, denn derartige Leitungen, so Lutz gegenüber Click!, “brauchen Sie nur bei zwei Kilowatt Leistungsaufnahme.”
Vielfraß Handymast
Lutz begann deshalb zu recherchieren. Er schrieb den Mastenbetreiber O2 an und die Stadtwerke Chemnitz. Die Informationen, die er bekam, hat er nun zu einem Bericht zusammengestellt. Ergebnis: Laut O2 verbraucht eine Sendeanlage tatsächlich bis zu zwei Kilowatt. Die Chemnitzer Stadtwerke maßen im Schnitt 1,3 Kilowatt, Allein in Chemnitz kämen so bis zu eintausend Kilowatt zusammen. Die Solaranlagen in der Stadt produzieren aber im Mittel lediglich 166 Kilowatt pro Jahr – also bis zu sechs Mal weniger Energie, als die Mobilfunkanlagen anfordern. Bundesweit ist es ungefähr das Eineinhalbfache, schätzt Lutz.
Der Wissenschaftler stört sich auch an der Sendeleistung der Mobilfunkstationen, die bei 20 Watt liegt. Die von der Raumfähre Pioneer 10 vor 35 Jahren mit acht Watt ausgesandten Signale seien auch nach dem Verlassen der Erde noch empfangbar gewesen – dank Richtfunk und aufwändiger Empfänger: “Und heute wird für einige 100 Meter eine Sendeleistung von 20 Watt installiert.”
In einem Brief an O2 äußert Lutz deshalb den Verdacht, “dass hier eine in Bezug auf Energieeffizienz schlechte und veraltet Technik eingeführt wurde.” Gegenüber Click! wurde Lutz noch deutlicher: “Wir strengen uns alle an, überall Energie zu sparen und dann kommt da jemand und baut Anlagen, die das Ganze wieder zunichte machen.”
Das sagen die Netzbetreiber
Die betroffenen Unternehmen können diese Vorwürfe nicht nachvollziehen. “Was haben Sie denn da wieder für eine lustige Anfrage”, konterte Margarete Steinhart, Sprecherin von Netzbetreiber Vodafone, die Anfrage von Click! mit einer Gegenfrage. Eigentlich wolle sie dazu gar nichts sagen, lässt sie wissen, bestätigt dann aber doch: “Das Thema Energieverbrauch beschäftigte uns schon immer. Mobilfunkanlagen brauchen Strom. Und Strom kostet. Da ist es schon in unserem eigenen Interesse, den Energieverbrauch zu senken. Daran braucht uns kein Wissenschaftler zu erinnern.”
Auch Andreas Fuchs von T-Mobile will die von Lutz genannten Werte nicht kommentieren. “Die Zahlen erwecken aber den Eindruck, Mobilfunkmasten seien extreme Stromfresser. Das ist dann doch übertrieben”, so Fuchs zu Click!. Ihm zufolge sind die Leistungen der rund 10000 von T-Mobile betrieben Sendeanlagen selbst gering und betragen meist nur zehn Watt. Allerdings kommt noch eine Infrastruktur dahinter hinzu: Rechner und Klimaanlage zu deren Kühlung. “Da kommt, zugegeben, einiges an Stromkosten zusammen”, so Fuchs. Auch T-Mobile arbeite deshalb “schon im eigenen Interesse” an einer Verringerung des Energieverbrauchs unserer Mobilfunkanlagen.” Derzeit werde die Technik abermals umgestellt: “Dadurch wird das Netz schnell genug für Handy-TV und wir sparen trotzdem ein Drittel der Stromkosten ein.”
O2 wiederum hält die Ausführungen von Lutz, wie das Unternehmen in einem Antwortschreiben an den Professor zugibt, für “nachvollziehbar”: “Wir werden mit unseren Lieferanten nach neuen Lösungen suchen, den Stromverbrauch zu reduzieren.” Das aber gehe nicht so schnell. Lutz will sich damit nicht zufrieden geben. “Wir hätten schon gerne einen Zeitplan.”
Quelle/Gesamter Text: www.suedkurier.de
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