Über Gladio III

»Wie bei der RAF richtete sich der Terror der Roten Brigaden nicht gegen Massenansammlungen von Menschen, sondern gegen sehr sorgfältig ausgewählte Einzelpersonen, die sie als Repräsentanten des ›Staatlichen Apparates‹ betrachteten, wie etwa Bankiers, Generäle und Minister, die sie entführten und oftmals auch ermordeten. (…) Im Gegensatz zum Terror der Linken zielte der Terror der Rechten darauf ab, die gesamte Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen, und deshalb zündeten sie ihre Bomben wahllos mitten in der Bevölkerung, um dann die Schuld auf die Kommunisten zu lenken.« (Daniele Ganser, NATO-Geheimarmeen in Europa, Zürich 2008, S.26 f.)

Wie Daniele Ganser aufzeigt, hätten sämtliche Parlamente Westeuropas genug Grund, um Untersuchungsausschüssen zu gestatten, sich in Geheimarchiven umzutun. Wahrscheinlich wären aber die Resultate für die westlichen Demokratien alles andere als schmeichelhaft. Beim »Oktoberfestattentat« 1980, bei den Anschlägen in Italien 1969, 1972, 1974 und 1980 sowie beim Militärputsch in Griechenland 1967 und in der Türkei 1980 wird von Experten eine indirekte oder direkte Beteiligung der NATO-Geheimarmee stark angenommen.

Auch könnten diesbezüglich Untersuchungen nicht nur den strukturellen Antikommunismus in vielen Ländern stören, sondern auch ein grelles Licht auf das Vorgehen der NATO in jüngster Vergangenheit und der Gegenwart werfen. Schließlich operierte z.B. im Kosovo-Krieg die terroristische UCK den Gladio-Einheiten nicht unähnlich, und auch im »War Against Terror« lassen sich immer wieder Verstrickungen der Geheimdienste in Terroranschläge nachweisen. Die NATO nicht als Verhüterin, sondern als Verursacherin des Terrors zu betrachten, und zwar nicht an fernen Kriegsschauplätzen, sondern auch bei der einheimischen Bevölkerung, könnte zu schwereren Verlusten an der Legitimationsfront von Kriegseinsätzen führen.

Solche Überlegungen stellt zwar Ganser nur am Rande an, seine fulminante historische Untersuchung liefert aber die Mittel hierzu. Eigentlich genau der richtige Mann für eine aktuelle Stunde des Bundestages. Schließlich wäre es auch durchaus an der Zeit, das Attentat auf das Münchner Oktoberfest vom 26. September 1980, das inmitten des Bundestagswahlkampfs zwischen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß erst einmal den Linken in die Schuhe geschoben wurde und von dem offiziell immer noch die Einzeltäterthese gilt, neu zu untersuchen. Dem Attentäter Gundolf Köhler konnte bald eine Mitgliedschaft in der rechtsradi­kalen »Wehrsportgruppe Hoffmann« nachgewiesen werden. Und Experten zeigten sich extrem skeptisch, ob die Bombe von einem Laien allein hätte überhaupt hergestellt werden können. Außerdem berichten Augenzeugen von drei jungen Männern, die kurz vor der Bombenexplosion heftig in Streit gerieten. Aber die Ermittlungen zum blutigsten Terroranschlag in der Geschichte der BRD mit 13 Toten und 218 zum Teil schwer Verletzten wurden seinerzeit nach nur acht Wochen aufgrund der fragwürdigen Einzeltäterthese eingestellt.

Vielleicht hätten weitere Nachforschungen nicht nur das Bild einer organisierten Bedrohung von rechts, sondern auch eine Verstrickung dieser Organisationen mit klandestin operierenden Abteilungen der NATO zu Tage gebracht. Das wäre sicher nicht im Interesse der öffentlichen Sicherheit gewesen.

Quelle/Gesamter Text: www.jungewelt.de

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Dieser Artikel wurde 80 mal gelesen. Der Beitrag wurde am Sonntag, den 23. November 2008 um 07:49 Uhr veröffentlicht und wurde unter Geknechtete Realität, Motzblog abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst zum Ende springen und ein Kommentar hinterlassen. Pingen ist im Augenblick nicht erlaubt.

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